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Vier Fragen an Louis Dupras, Direktor der Camerata Bern

1962 gegründet, begeistert die Camerata bis heute nicht nur das Berner Publikum, sondern auch eine internationale Zuhörerschaft mit Werken vom Barock bis in die Gegenwart. Als Direktor der Camerata Bern weiss Louis Dupras um Erfolgskriterien bei der Zusammensetzung des Ensembles und des Programms.

1. Wie und nach welchen Kriterien wählt die Camerata Bern ihre Musikerinnen und Musiker aus? Wie wichtig sind dabei ausserfachliche Fähigkeiten wie Selbstreflexionsfähigkeit, Umgang mit Kritik oder Konflikten sowie Teamfähigkeit? 

Die MusikerInnen* der Camerata Bern nehmen es ernst mit der Wahl ihrer KollegInnen. Es gibt ein geregeltes Aufnahmeverfahren: Ein Musiker wird aus den kombinierten Netzwerken unserer Ensemblemitglieder selektioniert, um an Konzertprojekten mitzuwirken. Zeigt er Potenzial zum Ensemblemitglied, wird er für eine Konzertsaison eingeladen, an deren Ende er als Mitglied im Probejahr gewählt werden kann. Nach einer weiteren Konzertsaison stimmt das Ensemble darüber ab, ob das neue Mitglied bestätigt ist. Wenngleich das Aufnahmeverfahren klar geregelt ist, sind die Selektions-Kriterien schwerer zu definieren. Hard facts wie höchste technische und musikalische Qualitäten sind selbstverständlich. Es sind die weniger messbaren Kriterien, die den Unterschied zwischen einem tollen Musiker und einem Camerata Bern-Mitglied ausmachen. Das 14- bis 38-köpfige Ensemble tritt ohne Dirigent auf und wird von seiner künstlerischen Leiterin vom Konzertmeister-Pult aus geführt. Viele Entscheidungen und Führungsaufgaben liegen in den Händen der einzelnen Musiker, sei es während der Proben, sei es im Konzertsaal, wenn es gilt, situativ blitzschnelle Entscheidungen zu treffen. Vom Profil her ist das ideale Camerata Bern-Mitglied demnach eine starke Führungspersönlichkeit mit ausgeprägter Teamfähigkeit.
 

 


2. Wer ein Musikstück interpretiert, sollte sich in dieses einfühlen können. Um sich einfühlen zu können, muss man sich selbst gut kennen. Wie merken Sie bei der Auswahl oder Förderung von Musikerinnen und Musikern, ob diese dazu fähig sind?


Sich in das musikalische Vokabular und in die Gefühlswelt des Komponisten einzufühlen, Impulse in der kollektiven Interpretation zu setzen und eine Interpretation auf der Bühne zu präsentieren, die für das Publikum sowohl nachvollziehbar als auch fesselnd ist, dies sind Aufgabenbereiche für die einzelnen Musiker und für das Ensemble als Kollektiv. Nicht nur sollte das Musikstück nach bedeutend mehr als der Zusammensetzung seiner Noten und sonstiger Parameter klingen – die ideale Interpretation ist mehr als die Summe der individuellen Ansichten der Musiker, die dazu beitragen. Bringt ein Musiker während der Vorbereitungsphasen interpretatorische Ideen ein? Setzt er kongruente musikalische Impulse? Ist er in der Lage, diejenigen seiner KollegInnen umzusetzen? 

 


3. Gibt es in Ihrem Bereich Möglichkeiten oder Wege, um die Selbstreflexion von Musizierenden zu fördern, oder kann man gar nicht Erfolg haben, wenn man dazu nicht von Natur aus fähig ist?


Meistens fängt ein Mensch früh an zu musizieren, fast immer in der Kindheit. Früh setzt er sich mit der Musik als äusserst abstrakter Sprache auseinander, dazu auch noch mit den klanglichen und technischen Eigenschaften seines Instruments als eines Ausdrucksmittels, das komplexe körperliche Anforderungen stellt. Bevor er den Entscheid getroffen hat, Musik zu seinem Beruf zu machen, hat er sich hoffentlich erfolgreich der psychologisch und emotional belastenden Situation der öffentlichen Auftritte wiederholt gestellt. Diese und weitere Aspekte des Musikerberufs erfordern einen hohen Grad an Selbstreflexion. Musizieren auf der Bühne geschieht ausserhalb der physischen, psychischen und emotionalen Komfortzone. Das Musizieren in einer Gruppe wie der Camerata Bern ist beinahe eine Form der kollektiven Selbsterfahrung, die immer wieder Themen hervorbringt wie: sich einordnen, kreative Impulse setzen, Respekt für die Meinung der KollegInnen zeigen, konstruktive Kritik üben, die eigene Leistung bewerten oder steigern.
 

 


4. Mit welchen Überlegungen in Bezug auf Programm und Ensemble, auf Ihre Rolle und auf das Publikum ziehen Sie jeweils von einer Saison in die nächste? 


Seit ihrer Gründung vor mehr als 50 Jahren setzt die Camerata Bern eine Form der Tradition fort, die sich als Pflege des Feuers statt als Anbetung der Asche definiert. Unsere Programme zielen darauf, die unerschöpfliche Vielfalt der Musik zum Klingen zu bringen. Das Konzertprogramm sollte dem Publikum eine hörbare Geschichte erzählen, mit Emotionen bewegen, die nur durch die Zusammensetzung der Klänge übertragen werden. Die Programme werden von einer aus Mitgliedern des Ensembles, der Direktion und des Stiftungsrates zusammengestellten Kommission entworfen, unter Mitwirkung der künstlerischen Leitung oder des jeweiligen Gastleiters. Der Entscheidungsprozess läuft bewusst chaotisch und greift oft zu den Methoden des Mind-Mapping. Auch in diesem Bereich fehlen die hard facts, die helfen würden zu bestimmen, ob ein Werk zu einem anderen passt, ob Bach mit Tschaikowski oder Mendelssohn mit Wagner im gleichen Programm nebeneinander gehören. Referenzen aus der Entstehungsgeschichte der Werke, aus ihrer geographischen, geschichtlichen oder klanglichen Charakteristik werden beigezogen, Assoziationen werden provoziert und wieder verworfen, bis das Gefühl (aber eben nur ein Gefühl, nie eine Gewissheit) entsteht: Dieses Programm trägt jetzt einen Sinn, den wir dem Publikum vermitteln möchten. 


*hierunter einfach Musiker, wobei beide Geschlechter gemeint sind

Newsletter Januar 2017